Interview mit Welt.de
Auch Welt.de berichtet nun mit einem Interview über Homefront. Dieses läuft nach dem Motto: “Invasoren sind nie nette Menschen”
Noch mehr Katastrophenangst: “Homefront”, das härteste Videospiel des Jahres, lässt Nordkorea die USA überrollen. Ein Gespräch mit dem CIA-Agenten, der bei der Entwicklung half.
Tae Kim hat als Experte für nationale Sicherheit bei der CIA gearbeitet, dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst. Kims Fachgebiet war das Entwickeln geopolitischer Strategien für Krisenregionen, vor allem Nordkorea. Er spricht Koreanisch und war im Feindesland in Geheimmissionen im Einsatz. Sein Alter gibt er nur mit “Mitte 30″ an. Heute berät Kim Unternehmen, die mit Korea handeln wollen. Auch bei der Entwicklung des Videospiels “Homefront” hat er in Absprache mit seinem Ex-Arbeitgeber CIA geholfen. Mit Kim sprach Thomas Lindemann.
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Die Welt: Sie waren CIA-Agent und haben nun ein Videospiel mit entwickelt. Warum nimmt der Geheimdienst ein Spiel so ernst, dass er jemanden mitarbeiten lässt?
Tae Kim: Spiele sind von einem Kinderding zu einer gigantischen Medienbewegung geworden, viele sind heute größer und wichtiger als Kinofilme. Ab jetzt muss man verantwortungsvoll mit solchen Inhalten umgehen, es ist uns wichtig, ob dort Unsinn erzählt wird. Die CIA will, dass in Spielen politische und geheimdienstliche Aspekte richtig dargestellt sind.
Die Welt: Das Spiel ist härter als andere, nicht wegen der Brutalität, sondern weil es die beklemmende Atmosphäre einer Diktatur zeigt. Mischen Spiele sich jetzt in die Politik ein?
Tae Kim: John Milius hat das Herz des Spiels geschaffen, der Co-Autor von “Apokalypse Now” und Regisseur von “Die rote Flut”. Wir wollen dass die Leute von der Story wirklich ergriffen werden, deswegen musste so jemand her. Er schrieb auch einen Roman zum Spiel.
Die Welt: Trotzdem hat der Hersteller auch Sie dazugeholt. Sie waren Agent der C.I.A. Was war dort Ihr Job?
Tae Kim: Ich darf nicht viel darüber reden. Ich war beim operativen Direktorat, das heute “National Clandestine Service” heißt, ich habe Informationen im Ausland gesammelt für die Regierung.
Die Welt: Allein das Wort C.I.A. klingt aufregend und gefährlich.
Tae Kim: Die Arbeit ist nicht wie in der Serie “24″ oder so, es ist eine Behörde. Papierkram macht den Großteil der Arbeit aus. Man sieht ja nie, wie James Bond Unterlagen ausfüllt, aber ich sage ihnen, er muss. Vielleicht fünf Prozent sind die aufregenden Geheimoperationen.
Die Welt: Das Spiel stilisiert Nordkorea zum großen, bösen Feind der USA. Ist das nicht etwas albern?
Tae Kim: Russland oder China sollten zuerst die großen Feinde werden in dem Spiel. Aber die haben doch gar kein geopolitisches Interesse daran, die USA anzugreifen. Beide brauchen eine intakte Weltwirtschaft. Nur Nordkorea könnte wirklich die Motivation haben, sein Militär und seine Wirtschaft aufzubauen, um die USA zu überrollen.
Die Welt: Das ist aber sehr theoretisch. Nordkorea ist viel zu schwach, um die USA anzugreifen.
Tae Kim: Aber es ist denkbar. Die Frage des Spiels ist: Kann ein armes Land plötzlich eine Supermacht werden? Unsere Idee ist, dass Korea sich wiedervereinigt unter Führung des Nordens, dann Japan angreift und danach die USA. Das erscheint heute irreal. Aber, man vergisst leicht, dass vor nur zehn Jahren alle dachten, die friedliche Einheit Koreas stünde unmittelbar bevor. Es gab den Korea-Gipfel und Kim Jong Il war fast beliebt.
Die Welt: Von da ist es noch ein weiter Schritt bis zur Vorstellung, die Koreaner stehen in den USA und unterwerfen das Land. Genau das passiert aber in “Homefront”. Wie leiten Sie das her?
Tae Kim: Nordkorea hat in unserer Fiktion die Atombombe und zündet sie in der Luft hoch über den USA. Das gibt einen so genannten EMP-Impuls, der alle Elektronik zerstört. Zugleich startet das Land massive Cyber-Attacken, um den Rest zu vernichten. Ohne Computer sind die USA machtlos. Und dann schickt der Feind per Schiff die riesigen Armeen, die er heimlich aufgebaut hat. Nordkorea hat wirklich viele Frachtschiffe, die es leicht umbauen könnte.
Die Welt: Die Nordkoreaner werden im Spiel extrem böse dargestellt. Gleich zu beginnt erschießt einer auf der Straße einen Vater neben seinem weinenden Kind, später findet der Spieler Massengräber. Alles erinnert sehr an die Nazis. Hatten Sie keine Bedenken dabei?
Tae Kim: Doch. Aber später im Spiel versteht man, dass sie nicht als Menschen böse sind, sondern die Führung sie dazu drängt. Es gibt in Nordkorea wirklich die Drei-Generationen-Bestrafung für Verbrechen gegen den Staat, da müssen auch Ihr Vater und Großvater leiden für Ihren Verrat. Der Spieler muss stark empfinden, um sich mit vollem Einsatz gegen den Aggressor zu wehren.
Die Welt: Haben Sie sich mit Kim Il-sungs “Juche”-Philosophie auseinandergesetzt, die den Marxismus streng auf eine auserwählte Nation bezieht?
Tae Kim: Kaum. Ich sehe Wurzeln dessen, was in Nordkorea passiert, im Konfuzianismus. Allerdings, die Führungsriege benutzt das alles nur und glaubt selbst nicht daran.
Die Welt: Es ist eine alte Furcht Amerikas, den Krieg im eigenen Land zu haben. Erneuern Sie die nicht jetzt?
Tae Kim: Ich glaube, die ist vergessen. Wir haben heute eher Angst vor Terrorismus. Dass fremde Truppen bei uns im Land stehen, halten wir für unmöglich. Das Spiel ist nur Fiktion.
Die Welt: Es schürt aber Angst. Dabei könnte ein Kulturprodukt auch den Feind entmystifizieren, und zeigen das er auch nur ein Mensch ist. Oder?
Tae Kim: Man kann Invasoren nicht als nette Menschen darstellen. Aber es gibt ein menschliches Element im Spiel. Es geht nicht um Ballern, Leute erschießen und gewinnen. Hier hat Gewalt immer Folgen. Es geht um den Überlebenskampf derjenigen, die aufbegehren.
Die Welt: Das Genre der Shooter-Spiele hat trotzdem ein Problem: Am Ende ist es immer ein Mann, der die Welt rettet. Kann man damit eine komplexe Story erzählen?
Tae Kim: Auch das haben wir geändert. Hier sind sie nur ein kleines Zahnrad im Widerstand. Teil einer großen Bewegung. Man wird bei uns nie im Spiel das Gefühl bekommen, ein mächtiger Kämpfer zu sein.
Die Welt: Sie waren selbst in Nordkorea. Hatten Sie Angst?
Tae Kim: Ein wenig, aber andersherum ist es viel größer, die haben sehr große Angst vor uns. Sie wirken irrational, aber das täuscht sehr, sie haben ihre Ziele klar vor Augen und das erratische diplomatische Benehmen ist Teil ihrer Strategie. Wenn sie nichts erreichen, warten sie einfach ab. Die Diktatur hat immer die Zeit auf ihrer Seite. Bei uns ist irgendwann Wahl und dann kommen andere, bei denen man seine Ziele vielleicht besser erreichen kann.
Quelle: Welt.de
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